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Geschlechtersensible Infektiologie: Warum wir jetzt handeln müssen
Die geschlechtersensible Medizin hat in einigen Fachgebieten längst Einzug gehalten – allen voran in der Kardiologie. Doch in der Infektiologie und Krankenhaushygiene steckt sie noch immer in den Anfängen. Dabei ist die wissenschaftliche Evidenz eindeutig. Denn die biologische Evidenz liegt seit Langem vor – es ist Zeit, sie in die Praxis zu überführen. Wir wissen viel – aber wir handeln zu wenig.

Biologische Unterschiede sind keine Randnotiz – sie sind klinisch relevant

Die Immunantworten zwischen Frauen und Männern unterscheiden sich deutlich. Männer erkranken häufiger schwer an Viruserkrankungen, Frauen werden häufiger bei Sepsis übersehen. Frauen zeigen häufig eine robustere angeborene und adaptive Immunantwort, zahlen dafür aber auch mit mehr Autoimmunerkrankungen, während Männer ein höheres Risiko für schwere Infektionsverläufe haben – zum Beispiel bei Tuberkulose oder COVID‑19. Auch Impfreaktionen unterscheiden sich: Frauen sprechen oft besser an, erleben aber häufiger Impfreaktionen; Männer entwickeln weniger hohe Titer nach Impfungen, wobei bisher die Evidenz für unterschiedliche Impfempfehlungen noch nicht reicht. 


Versorgungslücken, die Patientensicherheit gefährden 


Trotz dieser Evidenz werden geschlechtsspezifische Unterschiede in der klinischen Praxis kaum berücksichtigt.  So wurden diagnostische Scores wie qSOFA oder NEWS2 überwiegend an und für männlichen Patienten entwickelt und erprobt. Und Medikamentendosierungen sind selten geschlechtsspezifisch validiert. Auch die mikrobiologische Diagnostik erfolgt unabhängig vom Geschlecht nach Schema F. Zudem werden Frauen seltener mikrobiologisch untersucht werden, obwohl sie die gleiche Krankheitsschwere zeigen. 
Besonders alarmierend aber ist: Digitale Systeme wie KI‑Modelle oder Frühwarnsysteme übernehmen historische Verzerrungen – und reproduzieren damit Ungleichheiten. 

Was jetzt zwingend und dringend passieren muss: 

  1. Geschlechtsspezifische Diagnostik und Surveillance: Symptome, Testhäufigkeiten, Infektionsverläufe und Outcomes müssen getrennt erhoben und analysiert werden.
  2. Differenzierte Impfstrategien: es muss zwingend mehr geschlechterspezifische Forschung erfolgen um den unterschiedlichen körperlichen Reaktionen von Männern und Frauen Rechnung zu tragen. Impfstoffe sollten geschlechtsspezifisch angepasst werden – mit dem Ziel, die Immunantwort bei Männern zu erhöhen und Nebenwirkungen bei Frauen zu reduzieren.
  3. Geschlechtersensible Aufklärung: Nebenwirkungen, Risiken und Akzeptanz müssen individuell adressiert werden.
  4. Schulung des medizinischen Personals: Bias müssen erkannt, Unterschiede verstanden und individuell ge- und behandelt werden.
  5. Studiendesigns modernisieren: Sex- und Genderdaten gehören von der Rekrutierung bis zur Publikation in jedes Protokoll. Es muss nicht nur bei der Auswetung auf Geschlecht adjustiert sondern von Beginn an danach stratifiziert werden. 

Gleichbehandlung ist nicht Gleichmacherei! Geschlechtersensible Infektiologie ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung für Präzision, Qualität und Patientensicherheit.

Ein geschlechtersensibler Standard bedeutet: 

  • wirksamere Therapien
  • weniger Nebenwirkungen
  • mehr Versorgungsgerechtigkeit
  • Ein Wandel ist sowohl dringend als auch machbar. Geschlechtersensible Medizin ist ein Schlüssel zu moderner, präziser und gerechter Gesundheitsversorgung. 

Autorin: Prof. Dr. Irit Nachtigall