Ärzteblatt: Ärztinnen in Führungspositionen: Eine Frage der Zukunftssicherung

Eine gezielte Förderung von Karrierechancen für Frauen im Gesundheitswesen fordert der Verein „Spitzenfrauen Gesundheit“. Dass es künftig um einen Wettbewerb um Chefinnen geht, haben einige Kliniken – wie die München Klinik – bereits erkannt.

Obwohl rund zwei Drittel der Mitarbeitenden in den Gesundheitsberufen Frauen sind, ist in den leitenden Funktionen und in den Vorständen – auch denen der ärztlichen Selbstverwaltung – die weibliche Sicht immer noch unterrepräsentiert. Das kritisiert der Verein „Spitzenfrauen Gesundheit“ seit seiner Gründung vor drei Jahren und fordert bessere Karrierechancen für Frauen im Gesundheitswesen.

Dass Frauen genauso wie Männer unter den Führungskräften vertreten sein müssten, sei nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Zukunftssicherung, betont Antje Kapinsky, Co-Vorsitzende der „Spitzenfrauen Gesundheit“ und Fachleiterin Gesundheitspolitik bei der Techniker Krankenkasse, auf der Dialogveranstaltung des Vereins Ende Mai in Berlin. Die junge Generation wolle nicht mehr in Hierarchien leben und arbeiten. Darauf müssten sich Gesundheitseinrichtungen einstellen: Künftig gehe es um einen Wettbewerb um gute Chefinnen.

Einige Krankenhäuser haben dies bereits erkannt. Ein Beispiel ist die München Klinik (MüK). Dort ist es unter anderem Aufgabe der Stabsstelle Betriebliche Gleichbehandlung, Strategien zu entwickeln, mit denen mehr Ärztinnen für eine Führungsposition gewonnen werden können.

Ärztinnen gezielt fördern

„Chancengleichheit im ärztlichen Dienst ist eines der langfristigen Ziele, um Potenzialträgerinnen als wertvolle Fachkräfte zu werben sowie zu halten und somit eine nachhaltige Personalentwicklung zu ermöglichen“, erklärt Dr. Andrea Rothe, Leiterin Stabsstelle Betriebliche Gleichbehandlung der MüK, dem Deutschen Ärzteblatt. Als ein erfolgreiches Instrument zur Förderung von Ärztinnen hätten sich Mentoring-Programme erwiesen, erläutert Rothe weiter. Dieses werde in der MüK schon seit 2014 als Bottom-up-Strategie mit den drei Modulen Mentoring-Beziehung, Vernetzungstreffen und Führungskräftefortbildungen angeboten. Letztere behandelten klassische Führungsthemen, angefangen von Kommunikationsmodellen bis hin zum Thema Krankenhausfinanzierung. „Ende 2021 waren in der MüK insgesamt 27 Mentees aktiv im Prozess und 42 Ärztinnen haben das Programm inzwischen erfolgreich abgeschlossen“, erläutert Rothe. 29 Ärztinnen seien inzwischen Oberärztinnen, leitende Oberärztinnen oder Chefärztinnen geworden.

„Letztlich kann ein Mentoring-Programm nicht garantieren, dass der nächste Karriereschritt genau so funktioniert, wie sich die Ärztin das wünscht“, sagt Rothe. Die Auswertung einer aktuellen Befragung zeige aber, dass das Instrument „Mentoring“ insgesamt als sehr sinnvoll eingeschätzt werde und viele Wünsche und Erwartungen der Ärztinnen erfüllt werden konnten.

„Das reicht aber nicht aus, um Chancengleichheit im ärztlichen Dienst zu erreichen“, mahnt Rothe. Um auf allen ärztlichen Führungsebenen eine paritätische Teilhabe der Frauen zu erreichen, brauche es zusätzlich Top-down-Maßnahmen auf organisatorisch-struktureller Ebene. Die MüK biete dafür beispielsweise Zuschüsse zum Fortbildungsetat für ärztliche Abteilungen, die eine Oberärztin und eine leitende Oberärztin neu einstellen. „Von Unternehmensseite sind darüber hinaus Angebote zur guten Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben notwendig“, ist sie überzeugt. „Damit halten wir die guten Leute im Unternehmen und fördern die Chancengleichheit.“ Als Beispiele nennt sie flexible Arbeitszeiten und Homeoffice, Jobsharing-Modelle, Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen und unternehmensgeförderte Beratungsangebote in schwierigen Lebenslagen.

„Fördermaßnahmen für mehr Chancengleichheit für Ärztinnen können und sollten immer auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen: zum einen auf der Ebene der Organisation, zum anderen auf der individuellen Ebene“, betont Rothe. Auf der Ebene der Organisation brauche es ein klares Commitment der Organisationsleitung, die Formulierung messbarer Ziele kombiniert mit monetären Anreizen sowie eine Organisationskultur, die Gleichstellung und Gleichbehandlung aktiv unterstütze. Auf der individuellen Ebene gehe es um Potenzialförderung und um eine Kultur der Ermutigung, um die Frauen individuell zu fördern.

Kulturveränderung nötig

Der Verein „Spitzenfrauen Gesundheit“ begrüßt solche Ansätze. „Einige Verbesserungen hat es schon in den letzten Jahren gegeben“, räumt Kapinsky ein. Um jedoch eine Kulturveränderung zu erreichen, sei noch mehr nötig. „Wir fordern, dass wesentlich mehr Frauen in Führungspositionen gelangen“, sagt Cornelia Wanke, ebenfalls Co-Vorsitzende der „Spitzenfrauen Gesundheit“ und Geschäftsführerin des Vereins der „Akkreditierten Labore in der Medizin“.

Wanke hat dabei nicht nur Führungspositionen in den Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen im Blick, sondern auch in der Berufs- und Standespolitik. Momentan seien nur acht der 40 Vorstände der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland Frauen, analysiert Wanke, „das sind unter 20 Prozent – das kann nicht so bleiben.“

Gesetzlich verordnete Quoten könnten hier durchaus hilfreich sein, meint der Verein. „Wir brauchen Haltung und Gesetze“, bringt es Kirsten Kappert-Gonther, Ärztin und Bundestagsabgeordnete für die Grünen, auf den Punkt. Die Unterrepräsentation von Frauen im Gesundheitswesen sei „eklatant“. Verbindliche Frauenquoten in Vorstanden seien gut und überfällig, betont die Grünen-Politikerin und verweist auf das Führungspositionengesetz. Der Bundesrat hatte der Einführung von Quoten genau vor einem Jahr – Ende Juni 2021 – mit dem Zweiten Führungspositionengesetz zugestimmt. Es sieht vor, dass in Vorständen von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen, die mehr als drei Mitglieder haben, mindestens ein Mitglied eine Frau und ein Mitglied ein Mann sein muss.

Dass einige Vorstände noch schnell vor Gültigkeit des Gesetzes ihre Wahlen vorgezogen hätten, zeige, wie groß ihre Angst vor Veränderung sei, sagt Kappert-Gonther. Dies bestätigt Dr. med. Christiane Wessel, Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Dass Veränderung in den Gremien als Risiko wahrgenommen würde, habe auch der 126. Deutsche Ärztetag im Mai in Bremen gezeigt. „Es geht um Machtverlust. Dort hat es ein Mann ausgesprochen“, so die Gynäkologin. Auch die Männer ihres Berufsverbandes hielten an der Macht fest: Nur vier der 17 Vorstände der Landesberufsverbände ihres Fachgebiets seien Frauenärztinnen; das Etablieren einer gendersensiblen Sprache immer noch nicht gelungen. „Unsere Zeitschrift heißt immer noch Frauenarzt“, so Wessel.

Neu an die Spitze eines ärztlichen Berufsverbandes geschafft hat es Prof. Dr. med. Nicola Buhlinger-Göpfarth. Seit März dieses Jahres ist sie Vorsitzende des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. „Der Feminismus in der Medizin wird leider immer noch negativ diskutiert“, bedauert sie als Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der „Spitzenfrauen Gesundheit“. Dabei böte er viele neue Chancen für alle: Es gelte, Delegationskonzepte konsequent auszubauen und die Teamarbeit mit anderen Disziplinen zu stärken. „Wir sollten mutig sein und auch mal was ausprobieren“, sagt die Hausärztin, die seit 2002 eine Praxis in Huchenfeld bei Pforzheim führt.

Schweden als Vorreiter

Etabliert hat sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau bereits in Schweden. Hier habe die Regierung schon in den 1970ern für die sechsmonatige Elternzeit für Männer geworben und bereits 1971 das Ehegattensplitting abgeschafft, erläutert Christian Berg, Geschäftsführer der deutsch-schwedischen AllBright Stiftung, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt, beim Treffen der „Spitzenfrauen Gesundheit“ in Berlin. Gesellschaftlich werde erwartet, dass auch Männer ihre Elternzeit nehmen würden. „Schweden ist sicher nicht perfekt, aber es gibt zumindest deutlich mehr Frauen in Führungspositionen im Gesundheitswesen als in Deutschland“, sagte Berg. Sein (schwedisches) Rezept ist: „Die Männer müssen umdenken und sich ändern, nicht die Frauen.“

Zu beachten seien Berg zufolge vier Punkte: Die Männer müssten konsequent die Hälfte der Haus- und Familienarbeit übernehmen, ihre Netzwerke öffnen, „All-Male-Panel“ torpedieren und stattdessen Frauen vorschlagen sowie mit anderen Männern über das Thema „Geschlechtergerechtigkeit“ reden. Schließlich seien Frauen in Führungspositionen eine Frage der Zukunftssicherung.

Zum Artikel von Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann: https://www.aerzteblatt.de/archiv/226114/Aerztinnen-in-Fuehrungspositionen-Eine-Frage-der-Zukunftssicherung

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